FDP Ganderkesee

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„Wollen Schulfrieden schaffen, der länger hält“

FDP-Fraktionschef Christian Dürr erläutert im dk-Interview die liberale Idee einer Niedersachsenschule

VON LARS LAUE
Mit dem Vorschlag einer Niedersachsenschule hat sich die FDP in Niedersachsen gerade in die schulpolitische Debatte eingebracht. Im dk-Interview erläutert der aus Ganderkesee stammende Fraktionschef der FDP im niedersächsischen Landtag, Christian Dürr, den Unterschied zur Integrierten Gesamtschule. Auch zum dritten beitragsfreien Kindergartenjahr, zu einer Kindergartenpflicht und zum Thema Biogas bezieht der 33-jährige Diplom-Ökonom Stellung.
dk: Die FDP hat sich mit dem Vorschlag einer Niedersachsenschule in die aktuelle Schuldebatte eingebracht. Geht diese Form nicht in Richtung Integrierte Gesamtschule, die die FDP doch eigentlich, jedenfalls in Ganderkesee, ablehnt?
Christian Dürr: Wie bei der IGS ist es das Ziel, jedem Schüler die Chance auf das Abitur zu ermöglichen. Anders als bei der IGS wird aber nach der sechsten Klasse differenzierter beschult und es werden drei Leistungsbereiche angeboten. Während der gesamten Schulzeit soll eine optimale Durchlässigkeit gewährleistet werden. Das hört sich nach einer Rückkehr zur früheren Orientierungsstufe an. Der Eindruck könnte entstehen. Aber: In der Niedersachsenschule geht es um eine Differenzierung, die mit den Jahren sanft ansteigt und nicht um das starre System einer Orientierungsstufe. Wichtig ist auch zu sagen, dass unser Vorschlag der Niedersachsenschule als Diskussionsbeitrag zu sehen ist, der nicht in Stein gemeißelt ist. Uns geht es um einen gemeinsamen politischen Kompromiss. Wir wollen einen Schulfrieden für Niedersachsen schaffen, der länger hält und nicht immer wieder von neuen Reformen eingeholt wird.
Für Ganderkesee würde das Modell aber doch eine Schwächung des Gymnasiums bedeuten, für dessen Stärkung sich die FDP doch eigentlich immer stark gemacht hat, oder?
Die Niedersachsenschule schreibt nicht zwingend eine Oberstufe vor, so dass in Ganderkesee diejenigen Schüler, die ihr Abitur machen wollen, weiter ans Gymnasium gehen könnten. Wir gehen davon aus, dass das neue Schulmodell mehr Abiturienten hervorbringen würde. Das Gymnasium würde also sogar gestärkt werden, denn man kann in der Niedersachsenschule auch den gymnasialen Weg einschlagen und so in die Oberstufe des Gymnasiums gelangen.
Kommen wir mal zu den Grundschulen. In Bremen startet jetzt ein Modellversuch der Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Hat dieses Modell aus Ihrer Sicht Zukunft?
Das ist immer auch eine Ressourcenfrage. Sicher ist aber, dass wir in Zukunft vermehrt Ganztagsbetrieb an Schulen haben werden. Durch den demografischen Wandel werden sich die Schülerzahlen in den kommenden Jahren drastisch verringern. Dennoch sollten freie Lehrerstellen wieder besetzt werden. Die frei werdenden Kapazitäten, in Fachkreisen wird da auch von „demografischer Rendite“ gesprochen, sollten wir nutzen, um weiter an der inhaltlichen Qualität unserer Schulen zu arbeiten, die Ganztagsbetreuung weiter auszubauen und die Klassenstärken zu reduzieren.
Gehen wir altersmäßig mal noch eine Stufe tiefer. Bleibt es beim dritten beitragsfreien Kindergartenjahr in Niedersachsen?
Das hat die Landesregierung so vorgeschlagen, und dabei wird es bleiben. Wir sollten hier keinen Rückzieher machen, auch wenn die Haushaltslage angespannt ist.
Im Zuge der aktuellen Integrationsdebatten wurde auch über den Sinn einer Kindergartenpflicht diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Wer das fordert, muss auch sagen, wie es finanziert werden soll. Denn bei einer Pflicht müssen die Kosten übernommen werden. Ich halte nichts von einer Kindergartenpflicht, sondern setze da ganz stark auf die Elternverantwortung. Die Hoheit über den Kinderbetten darf nicht der Staat haben. Bei uns in der Gemeinde ist das Angebot außerdem so gut, dass Eltern ihre Kinder hier zahlreich und gerne in den Kindergarten schicken.

Verlassen wir mal die Bildungspolitik und wenden uns dem für Ganderkesee derzeit nicht minder wichtigen Thema Biogas zu. Sie fordern, das Erneuerbare-Energien-Gesetz rückgängig zu machen. Aber wie groß sind die Chancen, dass das tatsächlich passiert?
Der Vorwurf, dass Biogasanlagen wie Pilze aus der Erde schießen, richtet sich ausdrücklich nicht an die Landwirtschaft, sondern gegen die Politik selbst. Es wurden falsche Anreize geschaffen. Die Folgen sind Flächenknappheit, hohe Pachtpreise und Monokulturen. Was den Zeitplan angeht, so ist eine Novellierung des Gesetzes für 2012 geplant. Wichtig ist, dass Niedersachsen hier mit einer Stimme spricht und ein klares Signal in Richtung Bund sendet. Dazu ist aber auch eine klare Positionierung der SPD und der Grünen nötig, die ich momentan vermisse. Die Gemeinde ist hier ja in einer besonderen Zwickmühle, weil ja beispielsweise auch im Raum steht, dass sie für das Freibad günstige Energie aus Biogasanlagen abnehmen könnte.
Wie lautet Ihr Ratschlag?
Es empfiehlt sich nicht, jedes Angebot „blind“ anzunehmen, sondern die Gemeinde sollte sehr genau hinschauen und abwägen.
Apropos Angebote annehmen: Sie sind im Alter von 25 Jahren in den Landtag eingezogen, im Februar 2009 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion geworden und seit Ende Oktober 2009 Fraktionsvorsitzender. Auf welches Angebot warten Sie jetzt?
Auf gar keins. Ich bin sehr gerne Fraktionsvorsitzender. Meine Ambition ist, das, was ich mache, voll auszufüllen. Besonders reizvoll ist die Aufgabe, weil man – anders als im Ministeramt – nicht nur mit einem Spezialgebiet, sondern mit der ganzen Bandbreite an Themen zu tun hat. Das war immer mein Wunsch. Also habe ich gar keine Veranlassung, darüber nachzudenken, was als nächstes kommt. Außerdem haben das ja auch die Wähler mitzuentscheiden.
Seit Sie Fraktionsvorsitzender sind, fährt ein Fahrer Sie mit einer schweren, schwarzen Limousine von Termin zu Termin.
Wie fühlt sich das an? Im ersten Moment war das schon ein komisches Gefühl, schließlich bin ich jahrelang selbst gefahren. Aber ich habe festgestellt, dass ich effizienter arbeiten kann. Ich nutze die Zeit im Auto für Bürotätigkeiten und schaffe so bis zu 60 Prozent mehr Termine am Tag. Außerdem bringe ich meine Mitmenschen nicht in Gefahr (lacht).

Liberale Idee einer Niedersachsenschule

Quelle: Delmenhorster Kreisblatt vom 28.09.2010



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